„Noch immer gibt es die Tendenz, Arbeiter in fortgeschrittenen Ländern als privilegierte Teilhaber des Systems zu betrachten.“,
schrieb Chris Harman in „Antikapitalismus - Theorie und Praxis“ im Herbst 2000.
Diese Tendenz wird vor allem beim Arbeiter selbst gefördert.
Die Tendenz, sich als priviligierten Teilhaber des Systems zu betrachten, wird ständig und immerzu, unter anderem von den Medien in unterschiedlichster Weise unterstützt und gefördert.
Die Medien (weite Teile des weit verästelten Konzernsystems,dessen Querverbindungen sich immer mehr unserer Kenntnis entziehen) beziehen Ihre Existensberechtigung daher, den Arbeitern in den fortgeschrittenen Ländern zu vermitteln, sie seien priviligierte Teilhaber des Systems. Denn nur als solchen interessiert den Arbeiter und den Angestellten der neueste FASHION-TREND überhaupt und mehr als die Produktionsbedingungen unter denen die Plagiate, die er sich von seinem schmalen Lohn leisten kann, hergestellt werden.
Um seine Unzufriedenheit mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen und den strengen gesellschaftlichen Regeln in den fortgeschrittenen Ländern zum Ausdruck zu bringen, wird er von einem Teil der Medien dazu animiert, wahlweise eine Flugreise in Verbindung mit ausgiebigen Alkoholexzessen oder den Besuch einer LSD-Trip artigen Kunstwelt wie Fun- oder Center Parks zu nutzen, um den ihn beherrschenden Zwängen zu entfliehen.
Mangelnde soziale Kontakte, durch arbeitsteilige und schichtbestimmte Produktions- und Arbeitsweisen, werden durch TALK-SHOWS ersetzt. Sollte die Aufmerksamkeit für diese Ersatzrealität sinken, wird genau an dem Zeitpunkt, an dem dies –nach statistischen Berechnungen - beim Durschnitt der Zuschauer der Fall ist, deutlich lauter als das soeben langweilig gewordene Programm bereits erneut verhindert, das sich eigene Gedanken bilden. Für eine Weile lang konnte man, um etwas für den Regenwald zu tun, einen Kasten Bier kaufen, oder man kümmert sich um eine perfekte Rasur und achtet darauf, das niemand mit einem Ladyshaver ein Kinn rasiert und umgekehrt.
Chris Harman gelingt es, sich nicht in diese Richtung zu verlaufen. Er folgt weiter den Ursachen, wenn er feststellt :
„Die Tatsache, dass sie [Arbeiter in fortgeschrittenen Ländern ] in der Regel über einen höheren Lebensstandardverfügen als die große Mehrheit der Menschen in der Dritten Welt,scheint diese Sichtweise [Arbeiter in fortgeschrittenen Ländern als privilegierte Teilhaber des Systems zu betrachten]zu bestätigen. Sie beruht dennoch auf einer falschen Analyse der Funktionsweise des Systems.“
„...Firmen werden von dem Zwang angetrieben, Mehrwert anzuhäufen, und investieren deshalb dort, wo sie die Menschen am profitabelsten ausbeuten können. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind diese Investitionen in den fortgeschrittenen Ländern und einer Handvoll “Schwellenländer” konzentriert. Hier können die ... [Unternehmen] am leichtesten Mehrwert abschöpfen.
Der Grund hierfür ist, dass Arbeit in den fortgeschrittenen Ländern produktiver ist als anderswo und deshalb auch einen größeren Mehrwert schafft. Dafür gibt es eine ganze Reihe von historischen Gründen: Die bereits vollzogene Kapitalkonzentration in diesen Ländern, ihr Verkehrsnetz, die Energie- und Wasserversorgung und die große Anzahl von Arbeitskräften, die lesen, schreiben und rechnen können, ein Ergebnis der seit vier oder fünf Generationen bestehenden Schulpflicht.”
Diese Schulpflicht wird in den fortgeschrittenen Ländern, in Europa zum Beispiel immer zielstrebieger auf das bestehende System eingestellt. Konkurrenz und Vorteilsnahme werden gefördert, Elitenbildung unterstützt, Kultur und Kunst vernachlässigt, Intellekt und Eigeninitiative werden nicht gefördert.
Harman weiter:
„...[ in unserem Wirtschaftssystem] sind die Ärmsten oftmals nicht diejenigen, die am meisten ausgebeutet werden, sondern diejenigen, die durch die Entwicklung des Systems ins Abseits gedrängt werden.
Dies gilt für Langzeitarbeitslose, die deshalb in Armut leben, weil der Kapitalismus es für nicht profitabel hält, sie zu beschäftigen und auszubeuten. ...
[D]er Zwang des Systems, die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern und die Profite zu erhöhen, führt zu ständigen Zusammenstößen mit diesen Arbeitern. Da die meisten Investitionen in den fortgeschrittenen Ländern getätigt werden, muss das Kapital Druck auf die Löhne und Arbeitsbedingungen der Arbeiter dort ausüben.
Deshalb das beständige Drängen auf mehr “Flexibilität”, deshalb die Bemühungen, Arbeiter in einen Konkurrenzkampf um Arbeitsplätze zu bringen, deshalb die “Reformen”, mit denen Leistungen im Krankheitsfall, im Alter oder bei Arbeitslosigkeit beschnitten werden.
Dies wirkt sich über längere Zeiträume auf die Sozialpsychologie der amerikanischen und europäischen Arbeiter aus. In den 60er und 70er Jahren blickten Arbeiter in den USA oder Deutschland drei oder vier Jahrzehnte zurück und spürten, um wie viel besser ihre Situation geworden war. Heute blicken Arbeiter drei oder vier Jahrzehnte zurück und merken, dass sie viel mehr arbeiten und viel weniger Sicherheit haben.“
Harmann beschließt das Kapitel „Arbeiter und Antikapitalismus“ mit einer Mischung aus Zuversichtserklärung und Aufruf, in dem er zu hoffen scheint, daß den Arbeitern in den fortgeschrittenen Ländern zwischen Konkurrenzdruck und Konsumterror noch Gelegenheit bleibt; zu erkennen, daß „...es ... ihre Arbeit [ist] , die den Wert und den Mehrwert schafft, der das System vorantreibt.“ Und das sie somit „... eine Macht [haben], das System herauszufordern.“
Wer mag diese Hoffnung, unter den gegebenen Umständen nicht teilen.
Januar 2005