In der globalen Wirtschaft herrscht die pure Anarchie.
Die Gier zerfrisst den Herrschern ihre Gehirne.
schreibt Heiner Heiner Geißler ( ! bis 1989 Generalsekretär der CDU, seit 2007 Mitglied von Attac ) im November 2004 in "DIE ZEIT". Er nennt seine Streitschrift:
"Wo bleibt Euer Aufschrei?"
mit dem Unteretitel:
"Ein Wutanfall"
Heiner Geißler bemüht an dieser Stell sogar Karl Marx, mit den Worten:
»Das Kapital hat die Bevölkerung agglomeriert [1], die Produktionsmittel zentralisiert und das Eigentum in wenigen Händen konzentriert. Die Arbeiter, die sich stückweise verkaufen müssen, sind eine Ware wie jeder andere Handelsartikel und daher gleichmäßig allen Wechselfällen der Konkurrenz, allen Schwankungen des Marktes ausgesetzt.« (Karl Marx/Friedrich Engels, 1848, »Manifest der Kommunistischen Partei«)
Er bezieht sich auf diesen "uralten Text", um den aktuellen Bezug zu erläutern, indem er darauf verweist, daß 146 Jahre später in Deutschland - "als ob es nie eine Zivilisierung des Klassenkampfes gegeben hätte - Zehntausende von Arbeitern auf den nächsten Schlag aus den Konzernetagen von General Motors, Aventis, Volkswagen und Continental warten, der sie in die Arbeitslosigkeit und anschließend mit Hilfe der Politik auf die unterste Sprosse der sozialen Stufenleiter befördert."
Der ehemalige CDU Generalsekretär war sich in 2004 noch völlig sicher:
"Nicht das Gespenst des Kommunismus, vielmehr die Angst geht um in Europa (inzwischen ist es wohl beides) - gepaart mit Wut, Abscheu und tiefem Misstrauen gegenüber den politischen, ökonomischen und wissenschaftlichen Eliten, die ähnlich den Verantwortlichen in der Zeit des Übergangs vom Feudalismus in die Industriegesellschaft offensichtlich unfähig sind, die unausweichliche Globalisierung der Ökonomie human zu gestalten. Unter Berufung auf angebliche Gesetze des Marktes reden sie vielmehr einer anarchischen Wirtschaftsordnung, die über Leichen geht, das Wort. 100 Millionen von Arbeitslosigkeit bedrohte Menschen in Europa und den USA und 3 Milliarden Arme, die zusammen ein geringeres Einkommen haben als die 400 reichsten Familien der Erde, klagen an: die Adepten [2] einer Shareholder-Value-Ökonomie [3], die keine Werte kennt jenseits von Angebot und Nachfrage, Spekulanten begünstigt und langfristige Investoren behindert. "
Geißler bleibt am Ball: "Sie klagen an: die Staatsmänner der westlichen Welt, die sich von den multinationalen Konzernen erpressen und gegeneinander ausspielen lassen.
Sie klagen an: ein Meinungskartell von Ökonomieprofessoren und Publizisten, die meinen, die menschliche Gesellschaft müsse funktionieren wie DaimlerChrysler,und die sich beharrlich weigern, anzuerkennen, dass der Markt geordnet werden muss, auch global Regeln einzuhalten sind und Lohndumping die Qualität der Arbeit und der Produkte zerstört. Die Arbeiter in den Industriestaaten und ihre Gewerkschaften, die angesichts der Massenarbeitslosigkeit mit dem Rücken an der Wand stehen, fühlen sich anonymen Mächten ausgeliefert, die von Menschen beherrscht werden, deren Gier nach Geld ihre Hirne zerfrisst."
"Die Menschen leben und arbeiten in einer globalisierten Ökonomie...", heißt es später. Geißler nennt die globalisierte Ökonomie : "eine Welt der Anarchie, ohne Regeln, ohne Gesetze, ohne soziale Übereinkünfte, eine Welt, in der Unternehmen, Großbanken und der ganze »private Sektor« unreguliert agieren können."
Folgerichtig bringt er in diesem Zusammenhang auch zur Sprache, daß die globalisierte Ökonomie auch eine Welt ist "in der Kriminelle und Drogendealer frei und ungebunden arbeiten und Terroristen Teilhaber an einer gigantischen Finanzindustrie sind und so ihre mörderischen Anschläge finanzieren."
Vor der momentan meßbaren Links-Entwicklung aller Parteien, forderte Geißler zurecht: "Wo bleibt der Aufschrei der SPD, der CDU, der Kirchen gegen ein Wirtschaftssystem, in dem große Konzerne (Nokia war 2004 noch kein Thema) gesunde kleinere Firmen wie Kadus im Südschwarzwald mit Inventar und Menschen aufkaufen, als wären es Sklavenschiffe aus dem 18.Jahrhundert, sie dann zum Zwecke der Marktbereinigung oder zur Steigerung der Kapitalrendite und des Börsenwertes dichtmachen (Nokia hatte ja auch andere Gründe) und damit die wirtschaftliche Existenz von Tausenden mitsamt ihren Familien vernichten?"
...
"Den Menschen zeigt sich die hässliche Fratze eines unsittlichen und auch ökonomisch falschen Kapitalismus, wenn der Börsenwert und die Managergehälter - an den Aktienkurs gekoppelt - umso höher steigen, je mehr Menschen weg rationalisiert werden. Der gerechte, aber hilflose Zorn der Lohnempfänger richtet sich gegen die schamlose Bereicherung von Managern, deren »Verdienst«, wie sogar die FAZ schreibt, darin besteht, dass sie durch schwere Fehler Milliarden von Anlagevermögen vernichtet und Arbeitsplätze zerstört haben. Das Triumphgeheul des Bundesverbandes der Deutschen Industrie über die Billiglohnkonkurrenz aus dem Osten noch in den Ohren, müssen marginalisierte [4] und von der Marginalisierung bedrohte Menschen sich vom politischen und ökonomischen Establishment als Neonazis und Kommunisten beschimpfen lassen, wenn sie radikale Parteien wählen, weil es keine Opposition mehr gibt und sie sich mit einer Großen Koalition konfrontiert sehen, die offensichtlich die Republik mit einem Metzgerladen verwechselt, in dem so tief ins soziale Fleisch geschnitten wird, dass das Blut nur so spritzt, anstatt durch Bürgerversicherung und Steuerfinanzierung die Löhne endlich von den Lohnnebenkosten zu befreien. Nur Dummköpfe und Besserwisser können den Menschen weismachen wollen, man könne auf die Dauer Solidarität und Partnerschaft in einer Gesellschaft aufs Spiel setzen, ohne dafür irgendwann einen politischen Preis bezahlen zu müssen."
Geißler schließt den Kreis, auf der Suche nach Lösungen, indem er unter dem Motto: "Ideen verändern die Welt." messerscharf folgert: "Auch in einer globalen Wirtschaft sind Produktion und Service ohne Menschen nicht möglich. Neue Produktionsfaktoren wie Kreativität und Wissen sind hinzugekommen.
Aber das Spannungsverhältnis zwischen Mensch und Kapital ist geblieben."
Es entspricht seiner Person und Parteizugehörigkeit, wenn er dann schließt:"Die Kommunisten wollten den Konflikt lösen, indem sie das Kapital eliminierten" Vielleicht eines der grundlegenden Mißverständnisse nicht nur von ihm: Das Kapital sollte m.E. im Kommunismus nicht eleminiert, sondern anders verteilt werden, was bekanntlich aus verschiedenen Gründen ebenfalls völlig schief ging.
Die Kapitaleigner zu liquidieren war gängige und scheußliche Praxis, auf die Geißler sich bezieht. Ob daran nun "die Kommunisten" gescheitert sind, wie Geißler behauptet, bleibt allerdings fraglich. Richtig ist hingegen die Erkenntnis, dass heute das Kapital die Arbeit eliminiert . Der Kapitalismus liegt allerdings derzeit nicht genauso falsch wie einst der Kommunismus. Der Kapitalismus tut dies auf ganz andere viel komplexere Art und Weise als der Kommunismus. Geißler schließt kryptisch: "Der Tanz um das Goldene Kalb ist schon einmal schief gegangen."
Glossar:
[1] Agglomeration [lateinisch] räumliche Konzentration von Arbeitsstätten und Wohngebieten der Bevölkerung. Ballungsgebiete.
[2] Adept [lateinisch] Eingeweihter, Jünger, besonders bei Mysterien und in der Alchemie
[3] Shareholdervalue [ englisch, shareholder, "Anteilseigner" und value, "Wert"]
Im engeren Sinne der Wert, über den die Aktionäre einer Aktiengesellschaft verfügen. Im weiteren Sinne bezeichnet der Begriff eine Managementphilosophie, die Anfang der 1990er Jahre - im Zuge der Globalisierung der Märkte - aus den USA kommend in Europa populär wurde. Shareholdervalue steht für eine Unternehmenspolitik, die sich vorrangig an der Wertschaffung für die Aktionäre orientiert, d. h. an einer stetigen Steigerung des Aktienkurses und damit an der Maximierung des Marktwertes des gesamten Unternehmens. Das Shareholdervalue-Konzept wird in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit kontrovers diskutiert, da Rationalisierungen und Arbeitsplatzabbau häufig einen Anstieg der Aktienkurse des betroffenen Unternehmens zur Folge haben und somit moralische Bedenken gegeben sind.
[4] mar|gi|na|li|sie|ren tr. 3 an den Rand, ins (polit.) Abseits drängen
Stand 01/2008